Freitag, 6. Juli 2012

Eines Tages werde ich diesen Mantel ablegen...


Eines Tages werde ich diesen Mantel ablegen, der auf meinen fragilen Schultern lastet,  und mich in Deinen geliebten Armen wieder finden, wo jedes Wort schweigt und nur Dein Hauch  meinen Geist liebkosend berühren wird, gänzlich in Dir verschmolzen.


Un giorno, lascerò questo mantello che grava sulle mie fragili spalle e mi raccoglierò nelle Tue amate braccia, dove ogni parola tace e solo il Tuo respiro, come una carezza, sfiorerà d’amore il mio spirito, perfettamente a Te unito.


Fragmenta 
Liebeslied/Mai2005
© 

Donnerstag, 5. Juli 2012

Der Himmel ist in dir



Halt an, wo läufst du hin? 
der Himmel ist in dir;
Suchst du Gott anderswo,
du fehlst ihn für und für.


Angelus Silesius

(Aus dem Cherubinischen Wandersmann)

Mittwoch, 4. Juli 2012

Du bist mein Sonnenschein


Ich nah mich, Herr, zu dir
als meinem Sonnenschein,
Der mich erleuchtet, erwärmt
und macht lebendig sein.
Nahst du dich wiederum
zu mir als deiner Erden,
So wird mein Herze bald
zum schönsten Frühling werden.


      Angelus Silesius

      (aus dem Cherubinischen Wandersmann)


 Foto: © designritter /photocase.com



Ich selbst bin Ewigkeit


Ich selbst bin Ewigkeit,
wenn ich die Zeit verlasse
und mich in Gott
und Gott in mich zusammenfasse.
                                      
Angelus Silesius

(aus dem Cherubinischen Wandersmann)

Dienstag, 3. Juli 2012

Die Weisheit und die Liebe



Die Weisheit schauet Gott,
die Liebe küsset ihn;
Ach dass ich nicht voll Lieb
und voller Weisheit bin.



Angelus Silesius


(aus dem Cherubinischen Wandersmann)

Montag, 2. Juli 2012

Was zu Gott kommt, das wird verwandelt

Was immer zu Gott kommt,
das wird verwandelt;
so geringwertig es auch sei,
wenn wir es zu Gott bringen,
so entfällt es sich selbst.


Meister Eckhart


Quelle : Meister Eckart, Vom Adel der menschlichen Seele, Anaconda Verlag, S.28

Von der Armut des Geistes (3)



Zum Dritten ist der ein armer Mensch, der nichts hat. Viele Menschen haben gesagt, das sei Vollkommenheit, dass man nichts von den leiblichen Dingen dieser Erde hat, und das ist in einem gewissen Sinne schon wahr, wenn einer es mit Willen tut. Aber dies ist nicht der Sinn, den ich meine.
Ich habe vorhin gesagt, der sei ein armer Mensch, der nicht den Willen Gottes erfüllen will, sondern so leben will, dass er seines eigenen Willens und des Willens Gottes so entledigt sei, wie er war, als er nicht war. Von dieser Armut sagen wir, dass sie die ursprünglichste Armut sei. Zweitens sagen wir, das sei ein armer Mensch, der die Werke Gottes in sich selber nicht kennt. Wer so des Wissens und Erkennens ledig steht, wie Gott aller Dinge ledig steht, das ist die offenbarste Armut. Aber die dritte Armut, von der ich sprechen will, das ist die tiefste, nämlich, dass der Mensch nichts hat.

Ich habe oft gesagt, und es sagen es auch große Meister, der Mensch solle von allen Dingen und allen Werken, sowohl innerlich wie äußerlich, so abgelöst sein, dass er eine Eigenstätte Gottes sein könne, worin Gott wirken könne. Jetzt aber künden wir es anders.
Steht die Sache so, dass der Mensch von allen Dingen abgelöst steht, von allen Kreaturen, von sich selbst und von Gott, und Gott findet in ihm eine Stätte, darin zu wirken, so sagen wir:  Solange das in dem Menschen ist, ist der Mensch nicht arm in der tiefsten Armut, denn  Gott  ist nicht der Meinung [denn es ist nicht das Ziel Gottes] mit seinen Werken, der Mensch solle eine Stätte in sich haben, worin Gott wirken könne. Das ist Armut des Geistes: dass der Mensch von Gott und allen seinen Werken so abgelöst steht, dass Gott, wenn er in der Seele wirken will, selbst die Stätte sei, worin er wirken will, und das tut er gerne. Denn findet Gott den Menschen so arm, so wird Gott die eigene Stätte seiner eigenen Werke, weil Gott in sich selbst wirkt.
Da erlangt der Mensch in dieser Armut das ewige Wesen, das er gewesen ist und das er jetzt ist und das er in Ewigkeit leben soll.
Daher sagen wir, wo der Mensch noch eine solche Stätte behält, dort hält er am Unterschied fest. Darum also bitte ich Gott, dass er mich ablöse von Gott, da mein wesentliches Wesen oberhalb Gottes steht, sofern wir Gott begreifen als den Ursprung der Geschöpfe. Denn in dem selben Wesen Gottes, aufgrund dessen Gott oberhalb von Sein und Unterschied steht, da war ich selbst. Und dort wollte ich mich selbst und dort erkannte ich mich selbst als den, der diesen Menschen schuf.(1)
Und darum bin ich geboren und kann nach der Weise meiner Geburt, die ewig ist, niemals ersterben. Nach der Weise meiner ewigen Geburt bin ich ewiglich gewesen und bin jetzt und soll ewiglich bleiben. Was ich nach der Zeit bin, das soll sterben und soll zunichte werden, denn es ist des Tages; darum muss es mit der Zeit verderben. In meiner Geburt wurden alle Dinge geboren, und ich war Ursache meiner selbst und aller Dinge, und wollte ich, so wäre ich nicht noch alle Dinge, und wäre ich nicht, so wäre Gott nicht. Es ist nicht nötig, dies zu verstehen.
Ein großer Meister sagt, sein Münden sei höher als sein Entspringen. Als ich aus Gott entsprang, da sprachen alle Dinge: Gott ist da. Nun kann mich das nicht selig machen, denn hier erkenne ich als Kreatur; dagegen in dem Münden, wo ich ledig stehe des Willens Gottes und aller seiner Werke und Gottes selbst, da bin ich über allen Kreaturen und bin weder Gott noch Kreatur, sondern ich bin, was ich war und was ich bleiben soll jetzt und immerdar. Da erhalte ich einen Ruck,  der mich über alle Engel schwingen soll.
Von diesem Ruck empfange ich so reiche Fülle, dass mir Gott nicht genug sein kann mit alledem, was er Gott ist, mit all seinen göttlichen Werken, denn mir wird in diesem Münden zuteil, dass ich und Gott eins sind. Da bin ich, was ich war, und da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da eine unbewegliche Ursache, die alle Dinge bewegt. Hier findet Gott keine Stätte im Menschen, denn der Mensch erlangt mit seiner Armut, was er ewiglich gewesen ist und immer bleiben soll. Hier ist Gott im Geist eins, und das ist die tiefste Armut, die man finden kann.



Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, so lange wird er diese Rede nicht verstehen, denn es ist eine Wahrheit, die nicht ausgedacht ist, sondern unmittelbar gekommen aus dem Herzen Gottes. Dass wir so leben mögen, dass wir es ewig empfinden, das walte Gott. Amen.



Meister Eckhart


Quelle:  Meister Eckarts Mystische Schriften, hrsg. von Gustav Landauer,1903 http://www.marschler.at/eckhart-landauer/meister-eckhart-mystische-schriften.pdf


(1) Abschnitt in der Übersetzung von Kurt Flasch



Sonntag, 1. Juli 2012

Warum hat Dich der Mensch so vergessen?


Der Freund begegnete seinem Geliebten und sah ihn sehr edel, mächtig und aller Ehren würdig. Und er sagte zu ihm, er wundere sich sehr über die Leute, die ihn sowenig liebten, kannten und ehrten, da er dessen doch so würdig sei. Und der Geliebte antwortete und sprach, er sei sehr enttäuscht worden vom Menschen, den er erschaffen habe, um von ihm geliebt, gekannt und geehrt zu werden. Und von tausend Menschen fürchteten und liebten ihn nur hundert; und von den hundert fürchteten ihn neunzig aus Furcht vor Strafe, und zehn liebten ihn, damit er ihnen ewigen Lohn schenke. Kaum einer liebe ihn, weil er gut und edel sei. Als der Freund diese Worte hörte, weinte er bitterlich, weil man seinem Geliebten die Ehre verweigerte, und sagte: Geliebter, der du dem Menschen soviel gegeben und ihn so geehrt hast, warum hat dich der Mensch so vergessen?

Ramon Llull

(Das Buch vom Freund und vom Geliebten, Abschnitt 211)

Donnerstag, 28. Juni 2012

Du machst jedes Ding groß, das von dir Erinnerung hat


Geliebter, in deiner Größe machst du meine Wünsche, Gedanken und Leiden groß. Denn du bist so groß, dass jedes Ding groß ist, das von dir Erinnerung, Erkenntnis und Freude hat; und deine Größe macht alle Dinge klein, die gegen deine Ehre und deine Gebote sind.

Ramon Llull 

(Das Buch vom Freunde und dem Geliebten: Abschnitt 305)




Mittwoch, 27. Juni 2012

Nimm mich ganz, und lass mich dich ganz haben


Der Freund sprach zu seinem Geliebten: 
Du bist alles, bist überall und in allem und mit allem. 
Dich will ich ganz, damit ich alles habe und alles in mir ist.
Der Geliebte antwortete: 
Du kannst mich nicht ganz haben, 
ohne dass du ganz mein bist. 
Und der Freund sagte: 
Nimm mich ganz, und lass mich dich ganz haben. 
Der Geliebte antwortete: 
Was bleibt dann für deinen Sohn, deinen Bruder, deinen Vater? 
Der Freund sagte: 
Du bist dermaßen alles, dass du alles sein kannst in Fülle für jeden, 
der sich dir ganz hingibt.

   
Ramon Llull 

(das Buch vom Freunde und dem Geliebten: Abschnitt 68)

     

Samstag, 23. Juni 2012

Du warst früher schon ganz



 ...Du warst  früher schon ganz; da aber nach dem Ganzen dir auch etwas anderes anhaftete, wurdest du kleiner durch den Zusatz, denn nicht aus dem Seienden war  der Zusatz ( was könnte man Jenem  zusetzen, der  das  Ganze ist?) sondern aus dem Nichtseienden. Wer aber sein Gewordensein auch aus dem Nichtseienden hat, der ist nicht ganz, und er bleibt so, solange er das Nichtseiende nicht abgetan hat. Du wirst also selbst wachsen, wenn du das andere abweist, und erst dann wohnt dir das Eine bei. Bist du aber mit anderem verknüpft, dann erscheint Es nicht. 
Es braucht aber nicht zu kommen, um dir beizuwohnen, denn Es ist da... und du bist auch nicht von Ihm gegangen, nicht irgendwohin gegangen, sondern obwohl gegenwärtig hast du dich auf die andere Seite gedreht. 


Plotin


(Enneaden, VI,5,12 in der Übersetzung von H.F.Müller)


http://www.zeno.org


(Text sprachlich leicht verändert)

Donnerstag, 21. Juni 2012

Von der Armut des Geistes (2)


Da der zweite  Teil der Predigt 52 von Meister Eckhart  hat einige Zeit auf sich warten lassen,  stelle ich hier zuerst den Link auf den 1. Teil. 



Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat

Zum Zweiten ist der ein armer Mensch, der nichts weißWir haben manchmal gesagt, der Mensch sollte so leben als ob er nicht lebte, weder für sich selbst noch für die  Wahrheit noch für Gott. Aber jetzt sagen wir es anders und wollen ferner sagen, dass der Mensch, der diese Armut haben soll, alles haben soll, was er war, als er nicht lebte, in keiner Weise lebte, weder  für sich noch für die Wahrheit, noch für Gott; er soll vielmehr alles Wissens so quitt und ledig sein, dass selbst nicht Erkennen Gottes in ihm lebendig ist [dass er nicht erkenne, dass Gott in ihm ist].; denn als der Mensch in der ewigen Art Gottes stand, da lebte in ihm nichts Anderes: Was da lebte, das war er selbst. Daher sagen wir, dass der Mensch  so seines eigenen Wissens entledigt sein soll, wie er war, als er nicht war, und Gott wirken lasse, was er wolle, und frei dastehe, als wie er von Gott kam.


Nun ist die Frage, wovon allermeist die Seelheit [Seligkeit] abhänge? Etliche Meister haben gesagt, es komme auf das Begehren  [Lieben] an. Andere sagen, es komme auf Erkenntnis und Begehren an. Aber wir sagen, sie hänge nicht von der Erkenntnis noch von dem Begehren ab, sondern es ist ein Etwas in der Seele, aus dem fließt Erkenntnis und Begehren, das erkennt selbst nicht und begehrt nicht so wie die Kräfte der Seele. Wer dies erkennt, der erkennt, wovon die Seelheit abhänge. Dies Etwas  kennt weder ein Davor noch ein Danach, und es wartet nicht auf etwas Hinzukommendes, denn es kann weder gewinnen noch verlieren. Darum ist ihm jegliche Möglichkeit ganz und gar benommen, in sich zu wirken, es ist vielmehr immer dasselbe Selbe, das sich selbst in der Weise Gottes verzehrt  [genießt]. So, meine ich, soll der Mensch quitt und ledig dastehen, dass er nicht weiß noch erkennt, was Gott in ihm wirkt, und da kann der Mensch Armut sein Eigen nennen. Die Meister sagen, Gott sei Wesen, und zwar ein vernünftiges Wesen, und erkenne alle Dinge. Aber ich sage: Gott ist weder Wesen noch Vernunft, noch erkennt er etwas, nicht dies und nicht das. Darum ist Gott aller Dinge entledigt, und darum ist er alle Dinge. Wer nun des Geistes arm sein will, der muss an seinem eigenen Wissen arm sein, wie einer, der nichts weiß  weder Gott noch Kreatur, noch sich selbst.  Deshalb solle der Mensch nicht begehren, den Weg Gottes zu wissen oder zu erkennen.     
In diesem Sinne kann der Mensch arm sein an seinem eigenen Wissen.

Meister Eckhart


Quelle:  Meister Eckarts Mystische Schriften, hrsg. von Gustav Landauer, 1903
http://www.marschler.at/eckhart-landauer/meister-eckhart-mystische-schriften.pdf

( Sprachlich leicht verändert)




Link zu Von der Armut des Geistes (3)



Montag, 18. Juni 2012

Er sitzt im Schatten der Liebe



Auf diesem Baum ist ein Vogel: Er tanzt in der Freude des Lebens.
Keiner weiß, wo es ist: Und wer weiß, was sein Refrain bedeuten mag?
Wo die Zweige einen tiefen Schatten werfen, dort hat er sein Nest:
Und er kommt am Abend und fliegt am Morgen wieder fort,
Und er sagt kein Wort darüber, was sein Refrain bedeutet.
Keiner erzählt mir von dem Vogel, der in meinem Inneren singt.
Er ist weder bunt, noch farblos: 
Er hat weder eine Gestalt noch eine Kontur:
Er sitzt im Schatten der Liebe. 
Er wohnt im Inneren der Unerreichbarkeit, in dem Unendlichen und dem Ewigen;
Und niemand nimmt es wahr, wenn er kommt und geht.

Kabîr sagt: "Oh Bruder Sadhu! Es ist ein tiefes Mysterium.
Lasse weise Menschen danach suchen, wo dieser Vogel ruht."
Kabir
Quelle:  http://doormann.tripod.com/kabirlieder.htm

Foto: © Lindenthal / photocase.com

Mittwoch, 13. Juni 2012

Mehr als alles andere verehre ich die Liebe








Mehr als alles andere verehre ich aus ganzem Herzen die Liebe, die mich in dieser Welt ein grenzenloses Leben leben läßt.
Sie gleicht dem Lotus, der im Wasser lebt und auch im Wasser blüht.
Doch reicht das Wasser nicht bis an die Blüten heran 
und kann sie nicht berühren.
Sie öffnen sich jenseits der Reichweite des Wassers.
Es gleicht einer Frau, die das Feuer erreicht durch das Bieten der Liebe.
Dieser Ozean der Welt ist schwer zu überqueren. 
Seine Wasser sind sehr tief.
Kabîr sagt: "Hör mir zu, Sadhu! 
Es sind nur Wenige, die sein Ende erreicht haben."  
Kabir