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Montag, 28. Januar 2013

Halt dein Herz von fremden Bildern rein!



Du musst des Herzens Kämmerlein
von fremden Bildern halten rein;
lass alles draußen stehen!
Gott sieht es gerne bloß und leer
und unbekümmert, so wird er
sich bald drin lassen sehen. 


Gerhard Tersteegen
Geistliches Blumengärtlein inniger Seelen, 1. Büchlein , 167

Donnerstag, 27. September 2012

Die Seele auf der Suche nach Gott


Gott hat alle Dinge für sich selbst getan und hat die Seele sich gleich gemacht, damit sie über allen Dingen, unter allen Dingen, in allen Dingen und außerhalb aller Dinge sein könne und doch ungeteilt in sich selbst bleibe. Doch steht sie auf höherer Stufe, wenn sie in der Wüstung verharrt, wo sie nichts ist und wo kein Werk ist. Sankt Dionysius sagt: Herr, ziehe mich in die Wüste, wo du nicht gebildet bist, damit ich in deiner Wüste alle Bilder verliere. 
Wenn die Seele so über alle Dinge hinausgegangen ist, so spricht sie: Herr, ziehe mich in die Gottheit, wo du nichts bist, denn alles, was etwas ist, halte ich nicht für Gott. Ihren freien Willen gibt sie Gott und wirft sich in ihre Nacktheit und spricht: Herr, ziehe mich in die Finsternis deiner Gottheit, auf dass ich in der Finsternis all mein Leben verliere: Denn alles, was man offenbaren kann, halte ich nicht für Licht. Sie wird so mit Gott vereinigt, dass sie mehr Gott wird, als sie an sich selbst ist. Etwas von Gott ist Gott ganz und gar, und etwas von ihm birgt sein ganzes Wesen. Darum ist er in der niedrigsten Kreatur ebenso vollkommen wie in der obersten. 
Darum ruht sein Begreifen auf seiner väterlichen Kraft. Er begreift sich in sich selbst in allen Kreaturen. Und das Begreifen hat er verhüllt mit dem Gewande der Dunkelheit, dass ihn keine Kreatur so begreifen kann, wie er sich selbst in sich selbst begreift. Was die Seele im Licht begreift, das verliert sie in der Dunkelheit. Und doch trachtet sie nach der Dunkelheit, weil sie das Dunkel wegsamer (begehbarer) dünkt als das Licht. Da verliert sie sich und das Licht in der Dunkelheit.
Die Kraft, die die Seele zum Ziel bringt und sie aus sich selbst ohne ihr Zutun hinausführt, ist Gott. Dass wir Gott Materie, Form und Werk beilegen, geschieht um unserer groben Sinne wegen. Die Meister sagen: Ein Licht erleuchtet nicht und hat weder Form noch Materie und ist doch Kreatur. Wer Gott kennen will, wie er ist, der muss aller Wissenschaft entledigt sein.Wo Gott weder Zeit noch Wesen hat, da ist er ungenannt.

Meister Eckhart

Donnerstag, 13. September 2012

Entbildet musst du sein



Entbilde dich, mein Kind! So wirst du Gotte gleich
Und bist in stiller Ruh dir selbst dein Himmelreich.

Angelus Silesius

(Der cherubinische Wandersmann, II,54)


Montag, 2. Juli 2012

Von der Armut des Geistes (3)



Zum Dritten ist der ein armer Mensch, der nichts hat. Viele Menschen haben gesagt, das sei Vollkommenheit, dass man nichts von den leiblichen Dingen dieser Erde hat, und das ist in einem gewissen Sinne schon wahr, wenn einer es mit Willen tut. Aber dies ist nicht der Sinn, den ich meine.
Ich habe vorhin gesagt, der sei ein armer Mensch, der nicht den Willen Gottes erfüllen will, sondern so leben will, dass er seines eigenen Willens und des Willens Gottes so entledigt sei, wie er war, als er nicht war. Von dieser Armut sagen wir, dass sie die ursprünglichste Armut sei. Zweitens sagen wir, das sei ein armer Mensch, der die Werke Gottes in sich selber nicht kennt. Wer so des Wissens und Erkennens ledig steht, wie Gott aller Dinge ledig steht, das ist die offenbarste Armut. Aber die dritte Armut, von der ich sprechen will, das ist die tiefste, nämlich, dass der Mensch nichts hat.

Ich habe oft gesagt, und es sagen es auch große Meister, der Mensch solle von allen Dingen und allen Werken, sowohl innerlich wie äußerlich, so abgelöst sein, dass er eine Eigenstätte Gottes sein könne, worin Gott wirken könne. Jetzt aber künden wir es anders.
Steht die Sache so, dass der Mensch von allen Dingen abgelöst steht, von allen Kreaturen, von sich selbst und von Gott, und Gott findet in ihm eine Stätte, darin zu wirken, so sagen wir:  Solange das in dem Menschen ist, ist der Mensch nicht arm in der tiefsten Armut, denn  Gott  ist nicht der Meinung [denn es ist nicht das Ziel Gottes] mit seinen Werken, der Mensch solle eine Stätte in sich haben, worin Gott wirken könne. Das ist Armut des Geistes: dass der Mensch von Gott und allen seinen Werken so abgelöst steht, dass Gott, wenn er in der Seele wirken will, selbst die Stätte sei, worin er wirken will, und das tut er gerne. Denn findet Gott den Menschen so arm, so wird Gott die eigene Stätte seiner eigenen Werke, weil Gott in sich selbst wirkt.
Da erlangt der Mensch in dieser Armut das ewige Wesen, das er gewesen ist und das er jetzt ist und das er in Ewigkeit leben soll.
Daher sagen wir, wo der Mensch noch eine solche Stätte behält, dort hält er am Unterschied fest. Darum also bitte ich Gott, dass er mich ablöse von Gott, da mein wesentliches Wesen oberhalb Gottes steht, sofern wir Gott begreifen als den Ursprung der Geschöpfe. Denn in dem selben Wesen Gottes, aufgrund dessen Gott oberhalb von Sein und Unterschied steht, da war ich selbst. Und dort wollte ich mich selbst und dort erkannte ich mich selbst als den, der diesen Menschen schuf.(1)
Und darum bin ich geboren und kann nach der Weise meiner Geburt, die ewig ist, niemals ersterben. Nach der Weise meiner ewigen Geburt bin ich ewiglich gewesen und bin jetzt und soll ewiglich bleiben. Was ich nach der Zeit bin, das soll sterben und soll zunichte werden, denn es ist des Tages; darum muss es mit der Zeit verderben. In meiner Geburt wurden alle Dinge geboren, und ich war Ursache meiner selbst und aller Dinge, und wollte ich, so wäre ich nicht noch alle Dinge, und wäre ich nicht, so wäre Gott nicht. Es ist nicht nötig, dies zu verstehen.
Ein großer Meister sagt, sein Münden sei höher als sein Entspringen. Als ich aus Gott entsprang, da sprachen alle Dinge: Gott ist da. Nun kann mich das nicht selig machen, denn hier erkenne ich als Kreatur; dagegen in dem Münden, wo ich ledig stehe des Willens Gottes und aller seiner Werke und Gottes selbst, da bin ich über allen Kreaturen und bin weder Gott noch Kreatur, sondern ich bin, was ich war und was ich bleiben soll jetzt und immerdar. Da erhalte ich einen Ruck,  der mich über alle Engel schwingen soll.
Von diesem Ruck empfange ich so reiche Fülle, dass mir Gott nicht genug sein kann mit alledem, was er Gott ist, mit all seinen göttlichen Werken, denn mir wird in diesem Münden zuteil, dass ich und Gott eins sind. Da bin ich, was ich war, und da nehme ich weder ab noch zu, denn ich bin da eine unbewegliche Ursache, die alle Dinge bewegt. Hier findet Gott keine Stätte im Menschen, denn der Mensch erlangt mit seiner Armut, was er ewiglich gewesen ist und immer bleiben soll. Hier ist Gott im Geist eins, und das ist die tiefste Armut, die man finden kann.



Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, so lange wird er diese Rede nicht verstehen, denn es ist eine Wahrheit, die nicht ausgedacht ist, sondern unmittelbar gekommen aus dem Herzen Gottes. Dass wir so leben mögen, dass wir es ewig empfinden, das walte Gott. Amen.



Meister Eckhart


Quelle:  Meister Eckarts Mystische Schriften, hrsg. von Gustav Landauer,1903 http://www.marschler.at/eckhart-landauer/meister-eckhart-mystische-schriften.pdf


(1) Abschnitt in der Übersetzung von Kurt Flasch



Donnerstag, 21. Juni 2012

Von der Armut des Geistes (2)


Da der zweite  Teil der Predigt 52 von Meister Eckhart  hat einige Zeit auf sich warten lassen,  stelle ich hier zuerst den Link auf den 1. Teil. 



Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat

Zum Zweiten ist der ein armer Mensch, der nichts weißWir haben manchmal gesagt, der Mensch sollte so leben als ob er nicht lebte, weder für sich selbst noch für die  Wahrheit noch für Gott. Aber jetzt sagen wir es anders und wollen ferner sagen, dass der Mensch, der diese Armut haben soll, alles haben soll, was er war, als er nicht lebte, in keiner Weise lebte, weder  für sich noch für die Wahrheit, noch für Gott; er soll vielmehr alles Wissens so quitt und ledig sein, dass selbst nicht Erkennen Gottes in ihm lebendig ist [dass er nicht erkenne, dass Gott in ihm ist].; denn als der Mensch in der ewigen Art Gottes stand, da lebte in ihm nichts Anderes: Was da lebte, das war er selbst. Daher sagen wir, dass der Mensch  so seines eigenen Wissens entledigt sein soll, wie er war, als er nicht war, und Gott wirken lasse, was er wolle, und frei dastehe, als wie er von Gott kam.


Nun ist die Frage, wovon allermeist die Seelheit [Seligkeit] abhänge? Etliche Meister haben gesagt, es komme auf das Begehren  [Lieben] an. Andere sagen, es komme auf Erkenntnis und Begehren an. Aber wir sagen, sie hänge nicht von der Erkenntnis noch von dem Begehren ab, sondern es ist ein Etwas in der Seele, aus dem fließt Erkenntnis und Begehren, das erkennt selbst nicht und begehrt nicht so wie die Kräfte der Seele. Wer dies erkennt, der erkennt, wovon die Seelheit abhänge. Dies Etwas  kennt weder ein Davor noch ein Danach, und es wartet nicht auf etwas Hinzukommendes, denn es kann weder gewinnen noch verlieren. Darum ist ihm jegliche Möglichkeit ganz und gar benommen, in sich zu wirken, es ist vielmehr immer dasselbe Selbe, das sich selbst in der Weise Gottes verzehrt  [genießt]. So, meine ich, soll der Mensch quitt und ledig dastehen, dass er nicht weiß noch erkennt, was Gott in ihm wirkt, und da kann der Mensch Armut sein Eigen nennen. Die Meister sagen, Gott sei Wesen, und zwar ein vernünftiges Wesen, und erkenne alle Dinge. Aber ich sage: Gott ist weder Wesen noch Vernunft, noch erkennt er etwas, nicht dies und nicht das. Darum ist Gott aller Dinge entledigt, und darum ist er alle Dinge. Wer nun des Geistes arm sein will, der muss an seinem eigenen Wissen arm sein, wie einer, der nichts weiß  weder Gott noch Kreatur, noch sich selbst.  Deshalb solle der Mensch nicht begehren, den Weg Gottes zu wissen oder zu erkennen.     
In diesem Sinne kann der Mensch arm sein an seinem eigenen Wissen.

Meister Eckhart


Quelle:  Meister Eckarts Mystische Schriften, hrsg. von Gustav Landauer, 1903
http://www.marschler.at/eckhart-landauer/meister-eckhart-mystische-schriften.pdf

( Sprachlich leicht verändert)




Link zu Von der Armut des Geistes (3)



Donnerstag, 12. April 2012

Von der Armut des Geistes (1)

Die Seligkeit tat ihren Mund der Weisheit auf und sprach: 
»Selig sind die Armen des Geistes, das Himmelreich ist ihrer.« [...]
Etliche Leute haben mich gefragt, was Armut sei? Darauf wollen wir antworten. [...]
Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat. Von diesen drei Punkten will ich sprechen.  
Zum Ersten also heißt der ein armer Mensch, der nichts will.
Wenn mich nun einer fragt, was denn ein armer Mensch sei, der nichts will, so antworte ich und spreche so. Solange der Mensch das hat, was in seinem Willen ist, und solange sein Wille ist, den allerliebsten Willen Gottes zu erfüllen, der Mensch hat nicht die Armut, von der wir sprechen wollen, denn dieser Mensch hat einen Willen, mit dem er dem Willen Gottes genug tun will, und das ist nicht das Rechte. Denn will der Mensch wirklich arm sein, so soll er seines geschaffenen Willens so entledigt sein, wie er war, als er nicht war. Und ich sage euch bei der ewigen Wahrheit, solange ihr den Willen habt, den Willen Gottes zu erfüllen, und irgend nach der Ewigkeit und nach Gott begehret, so lange seid ihr nicht richtig arm; denn das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts erkennt und nichts begehrt.
Als ich in meiner ersten Ursache stand, da hatte ich keinen Gott und gehörte mir selbst; ich wollte nichts, ich begehrte nichts, denn ich war ein bloßes Sein und ein Erkenner meiner selbst und wollte kein anderes Ding; was ich wollte, das war ich, und was ich war, das wollte ich, und hier stand ich ledig Gottes und aller Dinge. Aber als ich aus meinem freien Willen hinausging und mein geschaffenes Wesen empfing, da bekam ich einen Gott; denn als keine Kreaturen waren, da war Gott nicht Gott; er war, was er war. Als die Kreaturen wurden und ihr geschaffenes Wesen anfingen, da war Gott nicht in sich selbst Gott, sondern in den Kreaturen war er Gott. Nun sagen wir, dass Gott danach, dass er Gott ist, nicht ein vollendetes Ziel der Kreatur ist und nicht so große Fülle als die geringste Kreatur in Gott hat. 
[...] Deshalb bitten wir darum, dass wir Gottes entledigt werden und die Wahrheit vernehmen und der Ewigkeit teilhaftig werden, wo die obersten Engel und die Seelen in gleicher Weise in dem sind, wo ich stand und wollte, was ich war, und war, was ich wollte. So soll der Mensch arm sein des Willens und so wenig wollen und begehren, wie er wollte und begehrte, als er nicht war. Und in dieser Weise ist der Mensch arm, der nichts will.