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Montag, 10. Dezember 2012

Wann kam die Liebe über dich?


Sag Narr, wann kam die Liebe über dich
Der Freund antwortete: 
Damals, als sie mich reich machte und mein Herz mit Gedanken, Wünschen, Seufzern und Leiden erfüllte und meine Augen von Tränen und Weinen überfließen ließ. 
Was hat dir die Liebe gebracht? 
Schönheit, Ehre und Wertschätzung meines Geliebten. 
Wohin kamen sie? 
In Gedächtnis und Verstand. 
Womit hast du sie empfangen?
Mit Liebe und Hoffnung. 
Wie bewahrst du sie? 
Mit Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung.

Ramon Llull


((Das Buch vom Freunde und dem Geliebten: Abschnitt 78)




Dienstag, 4. Dezember 2012

Schäme dich nie, den Geliebten zu loben!


Der Geliebte sang und sprach, wenig verstehe der Freund von der Liebe, wenn er sich schäme, seinen Geliebten zu loben, und wenn er sich scheue, ihn dort zu ehren, wo er am meisten geschmäht wird. Und wenig verstehe von Liebe, wer sich über Ungemach ärgere. Und wer an seinem Geliebten verzweifle, sei nicht im Gleichklang mit Liebe und Hoffnung.


Ramon Llull

(Das Buch vom Freunde und vom Geliebten, Abschnitt 79)

Donnerstag, 19. Juli 2012

Weißt Du, was Liebe ist?

Der Geliebte sagte zum Freund:
weißt Du, was Liebe ist?
Der Freund antwortete:
wüsste ich nicht, was Liebe ist,
würde ich Leid, Trauer und Schmerz kennen?

Ramon Llull 

Samstag, 14. Juli 2012

In dir ist meine Heilung und mein Leiden


Der Freund sprach zu seinem Geliebten: In dir ist meine Heilung und mein Leiden. Und je mehr du mich heilst, desto mehr wächst mein Leiden; und je mehr ich um deinetwillen leide, desto größere Heilung gibst du mir. Der Geliebte antwortete: Deine Liebe ist das Siegel und der Stempel, womit du meine Ehre vor den Leuten bezeugst.



Ramon Llull

(aus  dem Buch vom Freunde und vom Geliebten, Abschnitt 51)



Donnerstag, 12. Juli 2012

Ich liebe Dich, egal ob du mir Leiden oder Freuden gibst


Der Geliebte fragte seinen Freund: 
Erinnerst du dich an irgend etwas, 
was ich dir gab, wofür du mich liebst? 
Er antwortete: 
ja, denn ich mache zwischen den Leiden und den Freuden, 
die du mir gibst, keinen Unterschied.

Ramon Llull

(aus  dem Buch vom Freunde und vom Geliebten, Abschnitt 8)




Quelle: http://www.hoye.de/ma/lulltxt.pdf



Mittwoch, 11. Juli 2012

Niemals habe ich aufgehört, dich zu lieben


Der Freund sagte zum Geliebten: 
Niemals bin ich dir ausgewichen, noch habe ich aufgehört, dich zu lieben, seit ich dich kenne, denn in dir und durch dich und mit dir war ich, wo immer ich mich aufhielt. 
Der Geliebte antwortete: Auch ich habe dich nie vergessen, seit du mich kennen- und liebengelernt hast, noch habe ich dich je betrogen oder getäuscht.

Ramon Llull

((Das Buch vom Freunde und dem Geliebten: Abschnitt 53)




Sonntag, 1. Juli 2012

Warum hat Dich der Mensch so vergessen?


Der Freund begegnete seinem Geliebten und sah ihn sehr edel, mächtig und aller Ehren würdig. Und er sagte zu ihm, er wundere sich sehr über die Leute, die ihn sowenig liebten, kannten und ehrten, da er dessen doch so würdig sei. Und der Geliebte antwortete und sprach, er sei sehr enttäuscht worden vom Menschen, den er erschaffen habe, um von ihm geliebt, gekannt und geehrt zu werden. Und von tausend Menschen fürchteten und liebten ihn nur hundert; und von den hundert fürchteten ihn neunzig aus Furcht vor Strafe, und zehn liebten ihn, damit er ihnen ewigen Lohn schenke. Kaum einer liebe ihn, weil er gut und edel sei. Als der Freund diese Worte hörte, weinte er bitterlich, weil man seinem Geliebten die Ehre verweigerte, und sagte: Geliebter, der du dem Menschen soviel gegeben und ihn so geehrt hast, warum hat dich der Mensch so vergessen?

Ramon Llull

(Das Buch vom Freund und vom Geliebten, Abschnitt 211)

Donnerstag, 28. Juni 2012

Du machst jedes Ding groß, das von dir Erinnerung hat


Geliebter, in deiner Größe machst du meine Wünsche, Gedanken und Leiden groß. Denn du bist so groß, dass jedes Ding groß ist, das von dir Erinnerung, Erkenntnis und Freude hat; und deine Größe macht alle Dinge klein, die gegen deine Ehre und deine Gebote sind.

Ramon Llull 

(Das Buch vom Freunde und dem Geliebten: Abschnitt 305)




Mittwoch, 27. Juni 2012

Nimm mich ganz, und lass mich dich ganz haben


Der Freund sprach zu seinem Geliebten: 
Du bist alles, bist überall und in allem und mit allem. 
Dich will ich ganz, damit ich alles habe und alles in mir ist.
Der Geliebte antwortete: 
Du kannst mich nicht ganz haben, 
ohne dass du ganz mein bist. 
Und der Freund sagte: 
Nimm mich ganz, und lass mich dich ganz haben. 
Der Geliebte antwortete: 
Was bleibt dann für deinen Sohn, deinen Bruder, deinen Vater? 
Der Freund sagte: 
Du bist dermaßen alles, dass du alles sein kannst in Fülle für jeden, 
der sich dir ganz hingibt.

   
Ramon Llull 

(das Buch vom Freunde und dem Geliebten: Abschnitt 68)

     

Freitag, 9. März 2012

Ich habe der Liebhaber viele...

Der Freund sagte: Mein Geliebter 
denke doch nicht, daß ich
irgend wohin gegangen,
um irgend einen andern Geliebten zu suchen;
denn es hat die Liebe mich dermaßen 
vereinfältigt, daß mir nicht möglich fällt,
einen Zweiten zu lieben.
Der Geliebte erwiderte:
Es denke mein Freund doch nicht,
daß ich nur sein Geliebter sei
und keines andern. Mitnichten!
Ich habe der Liebhaber viele, von welchen
ich viel feuriger und inbrünstiger
geliebet werde, als von ihm.


Ramon Llull


 (Das Buch vom Freunde und dem Geliebten)

Im Garten der Liebe

Hoch oben wohnte der Geliebte;
tief unten wohnte der Freund;
In der Mitte zwischen beiden wohnte die Liebe.
Der Geliebte stieg hinunter zu dem Freunde;
Der Freund stieg hinauf zu dem Geliebten;
Nicht selten traf es sich, daß sie
einander begegneten auf der Hälfte des Wegs
im Garten der Liebe, da es dann viel Kosens
und Küssens gab
zwischen diesem und jenem.


Ramon Llull
(aus Der Freund und der Geliebte)