Freitag, 16. November 2012

Du bist ein Verlust meiner selbst



Du bist 
ein Verlust meiner selbst, 
ein Sturm meines Herzens, 
ein Fall und Untergang meiner Kraft, 
meine höchste Sicherheit 


Mechthild von Magdeburg 

(Das fließende Licht der Gottheit, I,20)



Freitag, 9. November 2012

Du bist der Himmel und du bist auch das Nest






Du bist der Himmel
und du bist auch das Nest.

Du Schöner,
dort ist deine Liebe
im Nest,
die umschließet die Seele mit Farben,
Tönen und Duft.




Rabindranath Tagore

aus Gitanjali

(Verse aus dem Lied 67)

Donnerstag, 8. November 2012

Du führtest zu Freunden mich...



Du führtest zu Freunden mich, 

die ich nicht kannte.
Du wiesest den Sitz mir im Hause,
das nicht mein eigen.
Du brachtest das Ferne mir nah
und machtest mich Bruder dem Fremden.

Mein Herz ist voll Unruh,
wenn ich verlassen muss 
das vertraute Obdach,
und ich vergesse,
dass altes immer im neuen wohnt,
dass auch du dort wohnst.

Durch Geburt und Tod, in dieser Welt
oder in andern,
wohin du mich führst,
du bist es, derselbe, der ein Gefährte
des endlosen Lebens,
der immer mein Herz
mit den Banden der Freude
dem Ungewohnten verbindet.

Dem, der dich kennt, ist nichts mehr fremd,
keine Tür ist verschlossen.
O, gewähr dies Gebet mir,
dass ich nie den Segen verliere,
das Eine zu fassen
im Spiele der Vielen.



Rabindranath Tagore

aus Gitanjali


Deutsche Nachdichtung von Marie Luise Gothein [1863-1931]

Sonntag, 4. November 2012

Ich warte nur auf die Liebe



                                    Ich warte nur auf die Liebe, 
um endlich mich in seine Hände aufzugeben. 
Deshalb bin ich so spät, und deshalb 
bin ich schuldig so vieler Lücken.

Sie kommen mit ihren Gesetzen und Regeln, 
um mich zu binden, 
doch ich entschlüpfe ihnen immer wieder, 
denn ich warte nur auf die Liebe, 
um endlich mich in seine Hände aufzugeben.

Die Leute tadeln mich, 
nennen mich unbedacht, 
ich zweifle nicht, sie haben 
Recht zum Tadel.

Der Markttag ist vorüber, 
alle Arbeit ist getan für die Geschäftigen. 
Die da kamen umsonst mich zu rufen, 
gingen voll Zorn. 
Ich aber warte nur auf die Liebe, 
um endlich mich in seine Hände aufzugeben. 


Rabindranath Tagore

aus Gitanjali


Deutsche Nachdichtung von Marie Luise Gothein [1863-1931]

Samstag, 3. November 2012

Wenn du nicht sprichst...




Wenn du nicht sprichst, will ich mein Herz
mit deinem Schweigen füllen
und dulden.
Ich warte und halte mich still
wie die Nacht mit ihren gestirnten Vigilien,
und ihrem Haupte tief geneigt in Geduld.

Der Morgen wird sicher kommen,
das Dunkel wird schwinden und deine Stimme
in goldenen Strömen sich ergießen
und vom Himmel brechen.

Dann werden deine Worte Schwingen nehmen
im Gesang von allen meinen Vogelnestern
und deine Melodien werden in Blumen
in meinen waldigen Hainen
aufbrechen. 




Rabindranath Tagore

aus Gitanjali


Deutsche Nachdichtung von Marie Luise Gothein [1863-1931]

Ich brauche dich, nur dich!



Dass ich dich brauche, nur dich,
soll mein Herz wiederholen endlos.
Alle Wünsche, die mich zerreißen
Tag und Nacht, sind nichtig
bis auf den Grund.

Wie die Nacht in ihrem Dunkel
den Drang nach Licht birgt,
so erklingt aus der Tiefe
des Unbewußten der Schrei: 

"Ich brauche dich, nur dich!"

Wie der Sturm sein Ziel
im Frieden sucht,
wenn er den Frieden bekämpft
mit all seiner Macht,
so schlägt mein Aufruhr
gegen deine Liebe,
und doch ist mein Schrei:
"Ich brauche dich, nur dich!"




Rabindranath Tagore

aus Gitanjali
Deutsche Nachdichtung von Marie Luise Gothein [1863-1931]

O du meines Lebens Leben!



O du meines Lebens Leben!
Immer werd ich mich mühn,
rein meinen Leib zu erhalten, wissend,
daß auf meinen Gliedern
lebendig dein Hauch ist.

Immer werd ich mich mühn,
Unwahres mir fern vom Denken zu halten,
wissend: du bist die Wahrheit,
die mir im Geiste das Licht
der Vernunft entzündet.

Immer werd ich mich mühn,
von meinem Herzen die Übel zu treiben
und meine Liebe in Blüte zu halten,
wissend: du thronest im Allerheiligsten
meines Herzens.

Und es soll immer mein Streben sein:
dich offenbaren in meinem Tun,
wissend, dass deine Macht
mir Kraft gibt zum Handeln. 



Rabindranath Tagore

aus Gitanjali 


Deutsche Nachdichtung von Marie Luise Gothein [1863-1931]


Dienstag, 30. Oktober 2012

Die Rose ...





Die Rose, welche hier
dein äußres Auge sieht,
Die hat von Ewigkeit
in Gott also geblüht.

Angelus Silesius

(Cherubinischer Wandersmann I, 108)

Sonntag, 28. Oktober 2012

Die Gabe Gottes


Entweder muss Gott alles geben oder er gibt nichts. Seine Gabe ist ganz einfaltig und vollkommen, ohne eine Teilung, auch nicht gebunden an die Zeit, sondern alles gründet in der Ewigkeit. 
Dessen könnt ihr so gewiss sein wie, dass ich lebe.
Sollen wir also etwas von ihm empfangen, so müssen wir in der Ewigkeit gegründet sein, erhaben über aller Zeitlichkeit. In der Ewigkeit sind alle Dinge gegenwärtig. Das da über mir ist, das ist mir ebenso nah und ebenso gegenwärtig, wie das da hier bei mir ist. Da sollen wir auch nehmen, was wir von Gott haben sollen.


Meister Eckhart


Freitag, 26. Oktober 2012

Die Flöte des Unendlichen






Die Flöte des Unendlichen spielt ohne zu verstummen,
und ihr Klang ist die Liebe.
Wenn die Liebe auf alle Grenzen verzichtet,
erreicht sie die Wahrheit.
Wie weit doch ihr Duft reicht!
Sie hat kein Ende, nichts steht ihr im Weg.
Die Form dieser Melodie ist so hell wie Millionen Sonnen:
unvergleichlich klingt die Vina*,
die Vina mit der Noten der Wahrheit.


Kabir

Malerei  © Lidia Wenzl



* Saiteninstrument der klassischen indischen Musik

Man soll, wie Gott, die Liebe sein



Man muß das Wesen sein


Lieb üben hat viel Müh: wir sollen nicht allein
Nur lieben: sondern selbst, wie Gott, die Liebe sein.


Angelus Silesius

(Cherubinischer Wandersmann I,71)

Die Lieb allein ist ewig



Die Hoffnung höret auf, der Glaube kommt zum Schauen,
Die Sprachen redt man nicht, und alles, was wir bauen,
Vergehet mit der Zeit: die Liebe bleibt allein.
So laßt uns doch schon jetzt auf sie beflissen sein!

Angelus Silesius

(Cherubinischer Wandersmann, III,160)


Wie die Schule, so die Lehre ...


In Schulen dieser Welt
wird Gott uns nur beschrieben,
ins heilgen Geistes Schul
lernt man ihn schaun und lieben.

Angelus Silesius

(Cherubinischer Wandersmann V, 267)


Sonntag, 21. Oktober 2012

Das Wort Gottes



Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Mark und Gelenk; es richtet über  Gedanken und Regungen des Herzens.  Kein Geschöpf  bleibt vor Gott verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor seinen Augen.


Brief an die Hebräer  (4, 12-13)