Dienstag, 30. Juli 2013

Loben werden den Herrn, die ihn suchen


"Gross bist du, o Herr, und überaus preiswürdig; 
gross ist deine Stärke, und deiner Weisheit ist kein Ziel gesetzt"1. 
Und dich will loben ein Mensch, ein winziger Teil deiner Schöpfung, ein Mensch, der schwer trägt an der Bürde seiner Sterblichkeit, schwer trägt auch am Zeugnis seiner Sünde und am Zeugnis, dass "du den Stolzen widerstehest" 2 . Und dennoch will dich loben der Mensch, selbst ein Teil deiner Schöpfung. Du selbst veranlasst ihn, in deinem Preis eine Wonne zu suchen, denn geschaffen hast du uns im Hinblick auf dich, und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir. Verleihe mir, o Herr, die rechte Erkenntnis und Einsicht, ob man dich erst anrufen oder preisen, erst dich erkennen oder anrufen muss! Aber wer ruft dich an, ohne dich zu kennen? Könnte er doch leicht in seiner Unwissenheit einen anderen für dich anrufen! Oder wirst du etwa angerufen, um erkannt zu werden? "Wie aber soll man den anrufen, an den nicht geglaubt? Wie aber wird man glauben ohne Prediger?" 3 „Loben werden den Herrn, die ihn suchen" 4 Denn wer sucht, der findet ihn, und wer ihn findet, wird ihn preisen. So will ich dich denn suchen, o Herr, indem ich dich anrufe, und dich anrufen, da ich an dich glaube; denn du bist uns verkündet worden. 


Augustinus von Hippo 

(Bekenntnisse  I,1)



1.Ps 144,3 und 146,5
2.Petr. 5,5
3.Röm.10,14
4 Ps 21,27



Mittwoch, 17. Juli 2013

Nur eins will Gott von uns




Ein einzigs Wort spricht Gott zu mir, zu dir und allen:
Lieb! 
Tun wir das durch ihn, wir müssen ihm gefallen.



Angelus Silesius

(Cherubinischer Wandersmann, II, 228)

Ein Ungrund ohne Anfang und Ende


In der Ewigkeit als im Ungrunde außer der Natur ist nichts als eine Stille ohne Wesen. Es hat nichts, das etwas gebe. Es ist eine ewige Ruhe und keine Gleiche, ein Ungrund ohne Anfang und Ende. Es ist auch kein Ziel noch Stätte, auch kein Suchen oder Finden oder etwas, da eine Möglichkeit wäre. Derselbe Ungrund ist gleich einem Auge, denn es ist sein eigener Spiegel.  Er hat kein Wesen, auch weder Licht noch Finsternis, und ist vornehmlich eine Magia, und hat einen Willen, nach welchem wir nicht trachten noch forschen sollen, denn es verwirrt uns. Mit demselben Willen verstehen wir den Grund der Gottheit, welcher keines Ursprungs ist, denn er fasset sich selber in sich, daran wir billig stumm sind, denn er ist außer Natur.

Jakob Böhme

(Von der Menschwerdung Jesu Christi, Insel Taschenbuch, S. 175)

Das ewige Jetzt


Das Nun, in dem Gott die Welt erschuf, das ist diesem gegenwärtigen Augenblick so nahe wie das Nun, in dem ich momentan spreche, Und der (scheinbar ferne) Jüngste Tag ist diesem selben Nun ebenso nahe wie der gestrige Tag.
Gott ist ein Gott der Gegenwart..., weil alle Dinge da nur Gegenwart sind. und alle Vergangenheit und alle Zukunft Gott fremd und ferne ist. Was am ersten Tage geschah und was am jüngsten geschehen wird, das ist dort gegenwärtig im ewigen Nun.
Alles, was Dasein hat, Zeit oder Ort, das rührt nicht bis zu Gott hinauf; er ist darüber. Wollten wir sagen, dass Gott die Welt erschüfe gestern oder morgen, das wäre eine Torheit von uns. 

Gott erschafft die Welt und alle Dinge ohne Unterlass 
in einem gegenwärtigen Nun.



Meister Eckhart


Wem Zeit ist wie Ewigkeit ...


Wem Zeit ist wie Ewigkeit
Und Ewigkeit wie Zeit,
Der ist befreit
Von allem Streit.

Jakob Böhme

Die Augen der Seele


Zwei Augen hat die Seel: eins schauet in die Zeit,
Das andre richtet sich hin in die Ewigkeit.

Angelus Silesius  

(Cherubinischer Wandersmann, III, 228)

Mittwoch, 26. Juni 2013

Der Unterschied zwischen Zeit und Ewigkeit.


Die Ewigkeit ist das Maß des sich gleichbleibenden Seins,
 Das Sein der vergänglichen Dinge aber wird durch die Zeit gemessen.
Also ist die Ewigkeit das Maß des ersten Seins, nämlich des göttlichen,
die Zeit dagegen Maß der Bewegung, 
und somit des beweglichen veränderlichen Seins.

Thomas von Aquin 

(Summa Theologica 10,4)

Montag, 24. Juni 2013

Zeit und Ewigkeit



Nunc fluens facit tempus, 

nunc stans facit aeternitatem





Das fließende Jetzt macht die Zeit, 

das stehende Jetzt macht die Ewigkeit. 


Boethius

(De Trinitate 4,70) 


Bild:
Zeit und Ewigkeit © Uli Viereck 
www.viereck-kunst.de

Montag, 17. Juni 2013

Der Strahl wird die Sonne







Mein Geist, kommt er in Gott, wird selbst die ewige Wonne,
Gleichwie der Strahl nichts ist als Sonn in seiner Sonne.


Angelus Silesius

(Cherubinischer Wandersmann 4,136)

Foto : Sunrise ©  




Alles hat jener, o Herr, der Dich hat



Du, o Gott, bist die Wahrheit und das Urbild ... 
Du, mein Gott, bist die absolute Kraft und darum die Natur aller
Naturen. Mein Gott, Du hast mich dahin geführt zu sehen,
dass Dein absolutes Aussehen das natürliche Aussehen jeder
Natur ist; dass es das Angesicht ist, das die absolute Seiendheit*
jedes Seins ist; dass es die Kunst und Wissenschaft 
alles Wissbaren ist.
Wem es also vergönnt ist, Dein Angesicht zu schauen,
 sieht alles offen und nichts bleibt ihm verborgen. 
Er weiß alles.  
Alles hat jener, o Herr, der Dich hat, und alles
hat der, der Dich sieht. Denn niemand sieht Dich als nur derjenige,
der Dich besitzt; niemand vermag sich Dir zu nahen, da
Du unnahbar bist. Niemand also wird Dich erfassen, 
außer Du schenkst Dich ihm.


Nikolaus von Kues


(De visione Dei, Ausschnitt aus Kap. VII )
Quelle


*unveränderliche Substanz

Dass Gott in Ruhe ist, das bringt alle Dinge zum Laufen.



Dass Gott in Ruhe ist, das bringt alle Dinge zum Laufen. Etwas ist so lustvoll, das bringt alle Dinge zum Laufen, dass sie zurückkommen in das, von dem sie gekommen sind und das doch unbeweglich in sich selber bleibt, und auf je höherer Stufe ein Ding ist, umso lustvoller läuft es.



Meister Eckhart

(Sprüche)



Sonntag, 16. Juni 2013

Im Meer kann man kein Tröpflein unterscheiden.





Wenn du das Tröpflein wirst im großen Meere nennen,
Denn wirst du meine Seel' im großen Gott erkennen.

Angelus Silesius



(Cherubinischer Wandersmann 6,172)

Foto: Quelle nicht erinnerlich



Im Meer werden alle Tropfen Meer





Das Tröpflein wird das Meer, wenn es ins Meer gekommen;
Die Seele Gott, wenn sie in Gott ist aufgenommen.

Angelus Silesius


(Cherubinischer Wandersmann 6,171)

Foto : Sunrise @ kazkun /panoramio. com

Sonntag, 26. Mai 2013

Die Liebe ist der Maßstab des Wertes aller Tugenden



Der Wert des Goldes ist der Maßstab für den Wert aller andern Metalle. 
So ist auch die Liebe der Maßstab des Wertes aller Tugenden: 
so viel Liebe in ihnen ist, so viel Wert haben sie. 
Die Wirksamkeit der Wärme, ohne die nichts lebt, stammt aus dem Feuer,
 das alles durchdringt und in sich umgestaltet. 
Was wir sehen, ist nicht reines Feuer, wohl aber feuerhaltig. 
So ist auch die Liebe an sich unbemerkbar, 
aber sie liegt allen Tugenden zugrunde, 
welche sie umgestaltet, reinigt und erneuert. 
Die Liebe ist wie der Stein des Gyges, der den Menschen unsichtbar macht; denn die Liebe deckt das Schmutzige und Nackte zu, sie deckt eine Menge Sünden zu, so dass kein Flecken sich zeigt. Die schwarze Kohle und das schwarze Eisen sind im Feuer nicht schwarz, sondern leuchtend; nur getrennt vom Feuer sind sie wieder schwarz. Schon die Liebe dieser Welt deckt die Mängel zu, denn der Liebende sieht die Mängel des geliebten Gegenstandes nicht, solange er liebt. 


Nikolaus von Kues



Text  in der  Übersetzung von Franz Anton Scharpff 

Freiburg in Breisgau, 1862 (S. 496-497)