Freitag, 20. September 2013

Verbirg nicht vor mir Dein Antlitz


Sage mir, o mein Herr und mein Gott, um deiner erbarmenden Liebe willen, was du mir bist. Sprich zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe. So sprich, auf dass ich dich hören kann. Siehe meines Herzens Ohr lauschend vor dir; erschließe es, o Herr, und sprich zu meiner Seele: Ich bin deine Hilfe
Betend will ich folgen dieser Stimme und dich ergreifen. 
Verbirg dein Angesicht nicht vor mir!


Augustinus von Hippo


(Bekenntnisse, 1.Buch, 5.Kapitel)

Samstag, 14. September 2013

Ich bin leichter zu erlangen


Ich bin leichter zu erlangen als irgendetwas. 
Kein Faden und kein Splitter, nichts ist so klein und so gering, 
dass man es mit einem Willensakt an sich ziehen könnte. 
Mich aber kann der Mensch mit seinem bloßen Willen an sich ziehen.


 Mechthild von Hackeborn


(Worte Jesu an Mechthild von Hackeborn)
aus: "Das Buch der besonderen Gnade"

Liebesgespräch zwischen der Seele und Gott


Die Seele spricht zu Gott: 

Herr, du bist die Sonne für alle Augen, 
du bist die Lust für alle Ohren,
du bist die Stimme aller Worte, 
du bist die Kraft aller Tüchtigkeit, 
du bist die Lehre aller Weisheit, 
du bist das Lebende in allen Lebewesen, 
du bist die Ordnung in allem, was ist. 

Gott spricht zur Seele: 

Du bist ein Licht vor meinen Augen, 
du bist eine Harfe vor meinen Ohren, 
du bist ein Klang für meine Worte, 
du bist der Gedanke meiner Unternehmungen, 
du bist das Erfreuliche in meinem Leben, 
du bist das Lob in meinem Wesen.


Mechthild von Magdeburg

Das fließende Licht der Gottheit, Buch III


Wir loben dich, Herr!


Wir loben dich Herr, dass du uns gesucht hast in deiner Demut. 
Wir loben dich Herr, dass du uns behalten hast in deiner Barmherzigkeit. 
Wir loben dich Herr, dass du uns geehrt hast mit deinem Leiden und deiner Schmach. 
Wir loben dich Herr, dass du uns erquickt hast in deiner Güte. 
Wir loben dich Herr, dass du uns geordnet hast in deiner Weisheit. 
Wir loben dich Herr, dass du uns beschirmt hast mit deiner Macht. 
Wir loben dich Herr, dass du uns geheiligt hast durch deinen Adel. 
Wir loben dich Herr, dass du uns erleuchtet hast in deiner Vertraulichkeit. 
Wir loben dich Herr, dass du uns erhöht hast in deiner Liebe über alle Kreaturen. 


Mechthild von Magdeburg

In deiner Liebe erschaffe mich neu!




„O göttliche Liebe, die mich erschuf:
 In deiner Liebe erschaffe mich neu“


Gertrud von Helfta

Exercitia spiritualia, 5. Übung



Herr, mach mich zu einer Schale



Herr, 
mach mich zu einer Schale, 
offen zum Nehmen, 
offen zum Geben,
offen zum Beschenktwerden,
offen zum Bestohlenwerden.

Herr,
mach mich zu einer Schale 
für dich,
aus der du etwas nehmen kannst, 
in die du etwas hineinlegen kannst. 

Wirst Du bei mir etwas finden,
was Du nehmen könntest?
Bin ich wertvoll genug,
sodass Du in mich etwas hineinlegen wirst?

Herr, mach mich zu einer Schale 
für meine Mitmenschen, 
offen für die Liebe, für das Schöne, 
das sie verschenken wollen; 
offen für ihre Sorgen und Nöte,
offen für ihre traurigen Augen
und ängstliche Blicke,
die von mir etwas fordern.

Herr, mach mich zu einer Schale.


Gebet der Töpfer in Taizé

Samstag, 10. August 2013

Oh, mein Liebster, welches Ufer ist Dein Ziel?



Oh, mein Liebster, welches Ufer ist Dein Ziel?
                          Es ist kein Reisender vor Dir und kein Weg.
Wo ist Bewegung, wo die Rast zu diesem Ufer?
Da ist kein Wasser, kein Boot, 
kein Fährmann ist dort.
Da ist nicht einmal ein Tau, um das Boot zu schleppen, 
noch ein Mann, der es zieht.
Keine Erde, kein Himmel, keine Zeit, kein Ding gibt es dort: 
kein Ufer, keine Furt.
Dort ist weder Körper noch Verstand.
Wo ist der Ort, der den Durst Deiner Seele stillen soll?
In dieser Leere wirst Du nichts finden. 
Sei stark und gehe in Deinen Körper: Darum ist Deine Standhaftigkeit wichtig.
Oh, mein Liebster, überlege es Dir gut! Gehe nicht woanders hin.
Kabîr sagt: 
"Lege alle Vorstellungen ab und stehe fest in dem, das Du bist." 


Dienstag, 30. Juli 2013

Die glückselige Ertrinkung






Wenn du dein Schiffelein aufs Meer der Gottheit bringst,

Glückselig bist du dann, so du darin ertrinkst.

Angelus Silesius

(Cherubinischer Wandersmann,  IV-139)


Foto: Energia solare! ©  patano

Der Tempel ist offenbart



Ein heftiger Schmerz bekümmert mich Tag und Nacht 
und ich kann nicht schlafen;
Ich sehne mich nach dem Treffen mit meinem Geliebten 
und an meines Vaters Zuhause habe ich keine Freude mehr.





Die Tore des Himmels sind geöffnet, der Tempel ist offenbart:
Ich treffe mein Gemahl und hinterlasse zu seinen Füßen 
die Darbringung meines Körpers und meines Verstandes. 

Kabir


Foto: Statue von  Milarepa im Messner Mountain Museum
 Schloss Sigmundskron (bei Bozen)
© Xenia Illapo

Entfache die Gnade Gottes wieder!


Entfache die Gnade Gottes wieder... Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.


Paulus von Tarsus


(2. Timotheus 1,7)

Wir sind Gottes Tempel


Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?
Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr.


Paulus von Tarsus



(1 Kor 3, 16-17)

Loben werden den Herrn, die ihn suchen


"Gross bist du, o Herr, und überaus preiswürdig; 
gross ist deine Stärke, und deiner Weisheit ist kein Ziel gesetzt"1. 
Und dich will loben ein Mensch, ein winziger Teil deiner Schöpfung, ein Mensch, der schwer trägt an der Bürde seiner Sterblichkeit, schwer trägt auch am Zeugnis seiner Sünde und am Zeugnis, dass "du den Stolzen widerstehest" 2 . Und dennoch will dich loben der Mensch, selbst ein Teil deiner Schöpfung. Du selbst veranlasst ihn, in deinem Preis eine Wonne zu suchen, denn geschaffen hast du uns im Hinblick auf dich, und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir. Verleihe mir, o Herr, die rechte Erkenntnis und Einsicht, ob man dich erst anrufen oder preisen, erst dich erkennen oder anrufen muss! Aber wer ruft dich an, ohne dich zu kennen? Könnte er doch leicht in seiner Unwissenheit einen anderen für dich anrufen! Oder wirst du etwa angerufen, um erkannt zu werden? "Wie aber soll man den anrufen, an den nicht geglaubt? Wie aber wird man glauben ohne Prediger?" 3 „Loben werden den Herrn, die ihn suchen" 4 Denn wer sucht, der findet ihn, und wer ihn findet, wird ihn preisen. So will ich dich denn suchen, o Herr, indem ich dich anrufe, und dich anrufen, da ich an dich glaube; denn du bist uns verkündet worden. 


Augustinus von Hippo 

(Bekenntnisse  I,1)



1.Ps 144,3 und 146,5
2.Petr. 5,5
3.Röm.10,14
4 Ps 21,27



Mittwoch, 17. Juli 2013

Nur eins will Gott von uns




Ein einzigs Wort spricht Gott zu mir, zu dir und allen:
Lieb! 
Tun wir das durch ihn, wir müssen ihm gefallen.



Angelus Silesius

(Cherubinischer Wandersmann, II, 228)

Ein Ungrund ohne Anfang und Ende


In der Ewigkeit als im Ungrunde außer der Natur ist nichts als eine Stille ohne Wesen. Es hat nichts, das etwas gebe. Es ist eine ewige Ruhe und keine Gleiche, ein Ungrund ohne Anfang und Ende. Es ist auch kein Ziel noch Stätte, auch kein Suchen oder Finden oder etwas, da eine Möglichkeit wäre. Derselbe Ungrund ist gleich einem Auge, denn es ist sein eigener Spiegel.  Er hat kein Wesen, auch weder Licht noch Finsternis, und ist vornehmlich eine Magia, und hat einen Willen, nach welchem wir nicht trachten noch forschen sollen, denn es verwirrt uns. Mit demselben Willen verstehen wir den Grund der Gottheit, welcher keines Ursprungs ist, denn er fasset sich selber in sich, daran wir billig stumm sind, denn er ist außer Natur.

Jakob Böhme

(Von der Menschwerdung Jesu Christi, Insel Taschenbuch, S. 175)