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Samstag, 26. Januar 2013

Ich lebe in der Hoffnung ihn zu treffen




Das Lied, das ich kam zu singen,
bleibt ungesungen bis auf diesen Tag.

Ich brachte meine Tage hin, mein Instrument 
zu  stimmen und umzustimmen.
Der Takt kam nicht aus, die Worte
sind nicht recht gesetzt, nur eine Pein
des Wünschens ist im Herzen.

Die Blüte hat sich nicht geöffnet, nur
der Wind seufzt vorüber.

Ich habe sein Angesicht nicht gesehn,
nicht gelauscht seiner Stimme; nur seinen
leisen Fußtritt hab ich gehört auf der
Straße vor meinem Hause.

Der lange Tag verging damit, ihm den
Sitz am Boden zu breiten, die Lampe
aber ist noch nicht entzündet, ich kann
ihn nicht in mein Haus bitten.

Ich lebe in der Hoffnung ihn zu treffen,
doch dieses Treffen ist noch nicht.



Rabindranath Tagore

aus Gitanjali (Lied 13)

in der Nachdichtung von Marie Luise Gothein, 1914




Sonntag, 13. Januar 2013

Geliebter, warum lässt du mich vor dem Tore warten?




Wolken häufen auf Wolken sich
und es dunkelt.

Geliebter, warum läßt du mich draußen
vor dem Tore warten ganz allein?

In der geschäftigen Zeit des Mittagwerkes
steh ich zur Menge, aber an diesem dunklen,
einsamen Tage hoff ich
auf dich allein.

Wenn du mir dein Antlitz nicht zeigst,
wenn du mich beiseite läßt,
so weiß ich nicht,
wie ich die langen regnerischen Stunden
verbringen soll.

Ich starre zum fernen Schimmer
des Himmels, und mein Herz wandert klagend
mit dem ruhelosen Wind. 

Rabindranath Tagore
aus Gitanjali  (Lied 18)
Deutsche Nachdichtung von Marie Luise Gothein [1863-1931]

Foto: @ Patano 



Samstag, 29. Dezember 2012

Mein Herz sehnt sich nach dem Namen, der Wahrheit ist






Dieser Tag ist lieb zu mir, mehr als alle anderen Tage, 
Denn heute ist der geliebte Herr Gast in meinem Haus; 
Meine Kammer und mein Hof sind schön mit Seiner Anwesenheit. 
Meine Sehnsüchte singen seinen Namen, 
und sie verschwinden in Seiner großen Schönheit: 
Ich wasche seine Füße und ich schaue auf zu seinem Gesicht; 
und ich liege vor Ihm als eine Darbringung meines Körpers, 
meines Verstandes und von allem, was ich habe.
Was für ein Tag der Freude ist der Tag an dem mein Geliebter, 
mein Schatz, in mein Haus kommt! Alle Übel fliehen aus meinem Herzen, 
wenn ich meinen Herrn sehe."Meine Liebe hat ihn berührt; 
mein Herz sehnt sich nach dem Namen, der Wahrheit ist."
Daher singt Kabîr, der Diener aller Diener.


Kabir

Freitag, 7. Dezember 2012

Wer wird mir nun geben, dass ich Ruhe finde in dir?


"Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir"
(Conf. I,1)


Wer wird mir nun geben, dass ich Ruhe finde in dir? Wer wird mir geben, dass du kommst in mein Herz und es trunken machst vor Freude, so dass ich mein Elend vergesse und dich, mein einzig Gut, umfasse? Was bist du mir? Erbarme dich meiner, damit ich kann davon reden! Was bin ich dir aber selbst, dass du von mir geliebt zu werden verlangst und, wenn ich es unterlasse, mir zürnst und mit unendlichen Qualen drohst? Ist das nicht allein schon grosse Pein, dich nicht zu lieben? Wehe mir! Sage mir doch bei deiner Barmherzigkeit, Herr mein Gott, was du mir bist! Sage meiner Seele: "Ich bin dein Heil!" Sprich vernehmlich zu mir! Siehe, o Herr, die Ohren meines Herzens sind vor dir; öffne sie und sprich zu meiner Seele: "Dein Heil bin ich". Nacheilen will ich diesem Wort und so dich erfassen. Verhülle nicht vor mir dein Angesicht. Sterben will ich, um nicht zu sterben, sondern es zu schauen. 

Augustinus von Hippo

(Confessiones I,5)

Freitag, 3. August 2012

Du bist meiner Seele Durst...

Wie lange noch,
wie lange werde ich noch darauf warten,
o mein Geliebter,
dich zu genießen
und dein liebenswertes Angesicht
zu betrachten?
Du bist meiner Seele Durst.
Himmel, Erde und alles,
was auf ihnen ist:
ohne dich sind sie mir
so wie ein eisiger Frost des Winters.
Dein liebenswertes Angesicht
ist mir die einzige Tröstung,
und Trost des Frühlings.


Gertrud von Helfta