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Montag, 14. Januar 2019

In jedem Augenblick vollkommen


Die Welt, mein Freund, ist nicht unvollkommen, 
oder auf einem langsamen Weg zur Vollkommenheit begriffen: 
nein, sie ist in jedem Augenblick vollkommen, 
alle Sünde trägt schon die Gnade in sich, 
alle kleinen Kinder haben schon den Greis in sich, 
alle Säuglinge den Tod, 
alle Sterbenden das ewige Leben.


Hermann Hesse,
aus Siddhartha

Sonntag, 13. Januar 2019

Die Schwelle überschreiten


Der Inder sagt «Atman»,

der Chinese sagt «Tao», 

der Christ sagt «Gnade». 

Wo jene höchste Erkenntnis da ist 

(wie bei Jesus, bei Buddha, bei Plato, bei Laotse),

da wird eine Schwelle überschritten,

hinter der die Wunder beginnen.



Hermann Hesse, Betrachtungen



Montag, 4. November 2013

Mit einer demütigen Regung der Liebe


Erhebe dein Herz zu Gott mit einer demütigen Regung der Liebe; meine Gott selbst und keine Seiner Eigenschaften. Empfinde einen Widerwillen davor, an irgend etwas außer an Ihn zu denken, auf dass nichts in deinem Verstande und in deinem Willen wirke als allein Er selbst. Bemühe dich nach Kräften, alle von Gott je erschaffenen Lebewesen mitsamt ihren Werken zu vergessen, damit dein Dichten und Trachten auf keines von ihnen gerichtet sei oder nach ihnen verlange, weder im allgemeinen noch im besonderen. Lass sie in Ruhe und beachte sie nicht. Dies ist das Werk der Seele, das Gott am besten gefällt ... Allen Menschen auf der Erde ist dieses Werk eine wundersame Hilfe, auch wenn du nicht weißt, warum...
Und kein anderes Werk reinigt dich selbst so sehr und macht dich so lauter wie dieses. Dabei ist es von allen das leichteste und am schnellsten zu vollbringende Werk, wenn durch Gnade in der Seele ein spürbares Verlangen entsteht; ohne Gnade freilich ist es für dich zu hart und zu schwer. Gib also nicht auf, sondern gib dir solange Mühe damit, bis du Verlangen danach empfindest. Denn zu Beginn deiner Übung bemerkst du nichts als eine Finsternis, sozusagen eine Wolke des Nichtwissens, genau weißt du nicht, was das ist, außer dass du in deinem Willen ein von allem entblößtes Verlangen nach Gott spürst. Du magst dich bemühen wie du willst, dennoch bleiben diese Dunkelheit und diese Wolke zwischen dir und deinem Gott und hindern dich, Ihn mit dem Lichte deiner geistigen Verstandeskraft in deiner Vernunft deutlich zu erkennen oder in seliger Liebe in deinem Herzen zu spüren. Mache dich deshalb bereit, in dieser Dunkelheit solange wie möglich zu verweilen und immerfort nach dem, den du liebst, zu rufen; denn wenn du Ihn je fühlen oder sehen können wirst, sofern dies hienieden möglich ist, so kann dies doch immer nur in jener Wolke und Dunkelheit geschehen. Wenn du dich indes eifrig in diesem Werk bemühst, so wie ich es dir rate, glaube ich wohl, dass Gott in Seiner Gnade dir diese erwähnte Schau gewährt.



Die Wolke des Nichtwissens  (Kapitel 3)
(Ende des 14. Jahrhunderts)

Donnerstag, 28. Februar 2013

Das Gebet ist der Verkehr der Seele mit Gott


" Das Gebet ist die höchste Leistung, deren der Menschengeist fähig ist. Aber es ist nicht allein menschliche Leistung: wo die Seele nicht mehr mit ihren Kräften tätig ist, sondern nur noch ein Gefäß, das die Gnade in sich empfängt, spricht man von mystischem Gebetsleben." 

"Das Gebet ist der Verkehr der Seele mit Gott: Gott ist Liebe, und Liebe ist sich selbst verschenkende Güte..." 

"Die Hingabe kennzeichnet das Eigentliche des Gebetes. Im Gebet vollzieht sich die liebende Hingabe des Menschen an Gott und das Sich-Verschenken Gottes an den Menschen... Die schrankenlose, liebende Hingabe an Gott und die göttliche Gegengabe - das ist die höchste Stufe des Gebetes.“ 


"Auf den Stufen der Leiter steigt die Seele zu Gott empor, das heißt zur Vereinigung mit ihm. Je höher sie zu Gott aufsteigt, umso tiefer steigt sie in sich selbst hinab; die Vereinigung vollzieht sich im Innersten der Seele, im tiefsten Seelengrund."


Edith Stein 

Zitiert in "Edith Stein (1891-1942), eine große Gestalt der Kirche" Vortrag von Univ-Prof.Dr Joseph Schumacher, Freiburg i.Br.

Mittwoch, 23. Januar 2013

Tag für Tag machst du mich würdig







Meiner Begierden sind viele, 
mein Schrei heischt Mitleid, 
aber du hast mich noch immer gerettet 
durch hartes Verweigern,
mit dieser strengen Gnade 
hast du mein Leben 
durch und durch gewirkt.

Tag für Tag machst du mich würdig
der einfachen, großen Gaben, 

die du mir ungebeten gabst 
– des Himmels, des Lichts, 
dieses Leibes, Lebens und Geistes – 
und rettest mich aus der Gefahr 
des Übermaßes der Wünsche.

Es gibt Zeiten, wo träge ich zögre 
und andre, wo ich erwache und eile, 
mein Ziel zu suchen; 
doch grausam birgst du dich vor mir.

Tag für Tag machst du mich würdig 
deines vollen Empfangs, 
indem du dich immer versagst 
und rettest mich vor der Gefahr
der schwachen, unsicheren Wünsche.


Rabindranath  Tagore

aus Gitanjali (Lied 14)
in der Nachdichtung von Marie Luise Gothein, 1914



Foto: Let there be light © Səməd