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Montag, 15. April 2013

Der unendliche Augenblick

   
  Es gibt Situationen, da fühlt die Seele Seine Gegenwart plötzlich auf eine Weise, die einen Irrtum unmöglich macht, und mit Zittern und Angst ruft sie: 
" Du bist der, der Himmel und Erde gemacht hat! ". Und sie will sich verstecken, will davon laufen vor dieser Gegenwart und kann es doch nicht, weil sie wie zwischen Wand und Schwert steht, zwischen Ihm und Ihm. Sie kann sich nicht verbergen, weil diese Gegenwart Himmel und Erde überschwemmt und weil sie auch die Seele vollkommen einhüllt. 
    ...
    Sie spürt eine solche Süße in sich eindringen, dass diese Süße Schmerz wird, unendlicher Schmerz, eine unendliche Bitterkeit und eine unendliche Süße. Das ganze dauert vielleicht eine einzige Sekunde, und vielleicht wiederholt sich im ganzen Leben nicht noch einmal. Die Seele, die aber einmal diese Sekunde erfahren hat, fühlt alle Schönheit und alle Freude und alles Glück dahinschwinden, sie sind "nichts als Dung", wie die Heiligen sagen (Skybala- "Scheiße", sagt Paulus), nichts erfreut sie mehr als diese Seligkeit. Von nun an wird ihr ganzes Leben ein Leben des Leidens und der Sehnsucht, weil sie wahnsinnig geworden ist, wahnsinnig vor Liebe und Verlangen nach dem, was sie einmal geschmeckt hat. Und sie würde alle Schmerzen und alle Folter erleiden, nur um ein zweites Mal noch eine Sekunde, noch einen Tropfen von dieser Gegenwart zu kosten. Freundschaft, Liebe, Wein, Reisen und Feste, alles ist dahingeschwunden, nie mehr wird die Seele eine größere Freude verspüren als die, die sie einmal erfahren durfte


Ernesto Cardenal


(Das Buch von der Liebe, Peter Hammer Verlag, S. 69 )

Donnerstag, 28. Februar 2013

Wo ein Heute ist und Jetzt, da sieht man Gott.


Wo sieht man Gott? Wo nicht Gestern noch Morgen ist, wo ein Heute ist und Jetzt, da sieht man Gott. Was ist Gott? Ein Meister spricht: Wenn das notwendig sein muss, dass ich von Gott rede, so sage ich, dass Gott etwas ist, was kein Sinn begreifen oder erlangen kann: sonst weiß ich nichts von ihm. Ein anderer Meister sagt: Wer das von Gott erkennt, dass er unbekannt ist, der erkennt Gott. Wenn ich in Paris predige, so sage ich und darf es wohl sagen: Alle hier in Paris können mit all ihrer Wissenschaft nicht begreifen, was Gott in der geringsten Kreatur, auch nur in einer Mücke, ist. Aber ich sage jetzt: Die ganze Welt kann es nicht begreifen. Alles was man von Gott denken kann, das ist Gott ganz und gar nicht. Was Gott an sich selbst ist, dazu kann niemand kommen, der nicht in ein Licht entrückt wird, das Gott selbst ist. Was Gott den Engeln ist, das ist gar fern, und niemand weiß es. Was Gott in einer Gott liebenden Seele ist, das weiß niemand als die Seele, in der er ist. Was Gott in diesen niederen Dingen ist, das weiß ich ein wenig, aber sehr schwach. Wo Gott in der Erkenntnis wohnt, da fällt alle natürliche Sinnlichkeit ab. Dass wir so in ein Licht entrückt werden, das Gott selber ist, um darin in Ewigkeit selig zu sein, das walte Gott. 


Meister Eckhart



Quelle: Meister Eckarts Mystische Schriften, hrsg. von Gustav Landauer, 1903

Dienstag, 4. September 2012

Je liebender, je seliger ...



Das Maß der Seligkeit
mißt ihr die Liebe ein;
Je völler du von Lieb,
je seliger wirst du sein.

Angelus Silesius

(Cherubinischer Wandersmann- V,295)